12. Tagung des Fonds für bedrohte Papageien Am Samstag, dem 20. September 2008, fand die 12. Tagung für Papageienschutzprojekte und Erhaltungszuchtprogramme des Fonds für bedrohte Papageien, einer Arbeitsgruppe der Zoologischen Gesellschaft für Arten- und Populationsschutz e.V. (ZGAP), im Stuttgarter Naturkundemuseum „Am Löwentor“ statt. Am Abend zuvor konnten die Teilnehmer an einer Exkursion zu den freilebenden Amazonen im Stuttgarter Rosensteinpark teilnehmen. Diese Möglichkeit wurde rege genutzt, und viele Papageienliebhaber konnten unter der fachkundigen Führung von Michael Braun und Michael Eick die Gelbkopfamazonen (Amazona ochrocephala oratrix) an ihrem Schlafbaum beobachten. Am Samstag fanden sich 120 Teilnehmer zur Tagung ein. Nach einer kurzen Begrüßung durch den Fondssprecher René Wüst begann Diplom-Biologe Michael Braun mit seinem Bericht über die freilebenden Amazonen in Stuttgart. Nach einem Überblick über die Gattung der Amazonen ging er speziell auf Amazona ochrocephala und ihre Unterart oratrix ein, deren Weltbestand von 70.000 Tieren in den 1970er Jahren auf heute 7.000 Exemplare sank. – 1984 flog eine einzelne Amazone frei in der Wilhelma, ein weiteres Tier wurde freigelassen, und 1986 gab es die erste Brut mit drei Jungtieren. Im Jahr 1991 brüteten dann schon vier Paare. Der Bestand ging jedoch seitdem nicht exponentiell hoch. Derzeit gibt es in Stuttgart etwa 50 freilebende Amazonen. Einige Nahrungspflanzen der Tiere und Details zum Freileben wurden vorgestellt. In Deutschland ist von elf Papageienarten nachgewiesen, dass sie zumindest einmal in Freiland gebrütet haben. Im zweiten Vortrag referierte Reiner Winkendick aus Kamp-Lintfort über geeignete Pflanzen für Freivolieren. Er ist Geschäftsführer des Pflanzenhandels und Zoo-Gartenbaus Winkendick, mit dem Schwerpunkt Bepflanzungsplanungen und Pflanzenlieferungen für zoologische Einrichtungen. Er erläuterte verschiedene Aspekte der Volierenbepflanzung wie Schutz vor Wind und Sonne, Sichtschutz, Nistmöglichkeit und Beschäftigung und erwähnte auch die Nachteile bepflanzter Gehege. Viele Beispiele von bepflanzten Volieren wurden in Bildern präsentiert. Geeignete Pflanzen und bedingt geeignete Pflanzen wurden vorgestellt und Tipps gegeben, was bei der Bepflanzung beachtet werden sollte. Tierarzt Dr. Marcellus Bürkle berichtete über neue Entwicklungen in der Vogelmedizin. Der erste Teil seines Vortrags drehte sich um Narkose und Narkoseüberwachung. Hierbei wurden Narkoserisiken, die Vorbereitung sowie die Durchführung einer Narkose dargestellt. Insbesondere wurde auf die Blutdruckmessung bei der Narkoseüberwachung eingegangen, welche jedoch noch nicht häufig angewendet wird. Dr. Bürkle referierte außerdem über die Neurogene Drüsenmagendilatation (PDD), die ein großes Problem in der Papageienhaltung ist. Er erläuterte die Übertragungswege, Symptome und die Diagnostik. Die Krankheit ist nicht therapierbar, Ziel der Behandlung ist die Linderung der Symptome. Die genaue Ursache der PDD ist bislang noch unbekannt, als sicher gilt nur, dass ein Virus Auslöser der Erkrankung ist. Vor kurzem konnte eine Arbeitsgruppe in den USA Bornaviren bei PDD-positiven Tieren nachweisen. Seit 1990 erstellt Renate Brucker Videofilme über Papageien. Ihren neuen Film nahm sie im Brutgebiet des Großen Soldatenaras (Ara ambiguus) in Costa Rica auf. In diesem Land wurden große Gebiete gerodet, wobei es bei der Bevölkerung durchaus ein Bewusstsein dafür gibt, dass die Natur das größte Kapital für den Tourismus ist. Die Heimat des Großen Soldatenaras ist die karibische Tiefebene. Die Aras brüten nicht jedes Jahr, und es wird meist nur ein Junges großgezogen. Leider gibt es in Costa Rica nur noch 34 Brutpaare. Alex Martinez führte Frau Brucker zu den Brutbäumen, wo sie beeindruckende Aufnahmen von den Vögeln machen konnte. Es ist geplant, Korridore einzurichten, welche die verschiedenen Wohngebiete der Aras verbinden. In der anschließenden Mittagspause gab es für die Teilnehmer die Möglichkeit zum Besuch des zoologisch-botanischen Gartens Wilhelma. Danach berichtete Thomas Arndt in seinem ersten Vortrag über den Status des Molukkenkakadus (Cacatua moluccensis) auf der Insel Seram in Indonesien. Seit Mitte der 1970er Jahre sind die Bestände des größten der weißen Kakadus rapide geschrumpft. Der Bürgerkrieg vor sieben Jahren in dieser Region war schrecklich für die Menschen, für die Papageienpopulation jedoch ein Segen, da der Fang völlig zum Erliegen kam. Bei den durchgeführten Bestandszählungen wurden ungefähr 9.600 Molukkenkakadus ermittelt. Es existiert ausreichend adäquater Lebensraum, und der Bestand ist groß genug, um ohne Schutzmaßnahmen überleben zu können, solange der Fang nicht wieder auflebt. Empfehlenswert wäre, in zehn Jahren eine erneute Zählung durchzuführen. Nach einer Kaffeepause stellte Thomas Arndt ein neues Projekt des Fonds auf der Insel Buru vor. Buru gilt als die unbekannte Insel Indonesiens. Entlang der Küste gibt es kleine Dörfer, nur wenige Siedlungen liegen in der Mitte der Insel. Die genaue Bevölkerungsanzahl ist unbekannt. In drei Dörfern gibt es Holzfällerfirmen. Der Schaden durch die Holzfäller ist enorm und größer als bisher gedacht. Anbaugebiete nehmen schon große Flächen ein, es gibt viel Sekundärwald, der jedoch für Vögel nicht nutzbar ist. Auf Buru leben 178 Vogelarten, davon zehn Papageienarten. Drei der Papageienspezies sind endemisch, und bei zwei dieser Arten ist der Status unbekannt: Der Buru-Lori (Charmosyna toxopei) wurde nie wieder nachweislich gesichtet, man weiß nicht, wie groß die Bestände sind. Beim Schwarzstirn-Edelpapagei (Tanygnathus gramineus) ist nicht bekannt, wo genau er lebt und wie viele Tiere es gibt. Die Studienareale werden über ganz Buru verteilt eingerichtet, mit der Konzentration auf wenig vom Menschen genutzte Regionen. Die Erwartung an dieses Projekt: eine Bestandzählung der Papageienarten, neue Erkenntnisse über die beiden erwähnten Arten und eine Beurteilung des Zustands der Habitate. Anschließend berichtete René Wüst über die aktuellen Projekte des Fonds für bedrohte Papageien. Nach einer Vorstellung der ZGAP und des Fonds wurden die Papageienschutz-Projekte detailliert dargestellt: Von den Sittichen auf Neukaledonien über die gefährdeten Kakadu-Arten im asiatischen Raum bis zum Santa-Marta-Sittich (Pyrrhura viridicata), dem Kleinen Soldatenara (Ara militaris) und dem Salvadori-Weißohrsittich (Pyrrhura griseipectus) in Südamerika wurden die Teilnehmer über alle langfristigen und brandaktuellen Schutzmaßnahmen unterrichtet. Interessierte können sich auch vor Ort über das Projekt für den Rotohrara (Ara rubrogenys) in Bolivien bei einer Reise im nächsten Jahr informieren. Für die zahlreichen Schutzprojekte werden weitere Spender benötigt, der Fonds würde zum Beispiel gerne den Diademlori (Eos histrio) unterstützen, hierfür werden aber noch Sponsoren gesucht. Auch Vereine können Mitglied im Fonds werden. Der Biologe Thorsten Müller aus Kassel referierte über die aktuelle Situation in Neukaledonien. Er besuchte die Hauptinsel Grande Terre sowie Ouvéa von März bis Mai 2008. Neukaledonien ist eine Inselgruppe östlich von Australien und ist die Heimat des Neukaledonien-Ziegensittichs (Cyanoramphus saisseti), des Hornsittichs (Eunymphicus cornutus) und des Ouvéasittichs (Eunymphicus uvaeensis). Alle drei Spezies sind durch eingeschleppte Tierarten bedroht. Thorsten Müller begleitete den Leiter des Schutzprojekts, Dr. Jörn Theuerkauf, und berichtete über die Schutzmaßnahmen. Letzter Höhepunkt der Tagung war der Vortrag von Eckard Lietzow aus Enger über Agaporniden in Freiland. Seit 1991 reiste er zwölfmal nach Afrika. In Äthiopien, einem der ärmsten Länder der Welt, beobachtete er Taranta-Unzertrennliche (Agapornis taranta) und Gelbstirn-Mohrenkopfpapageien (Poicephalus flavifrons). Bei einer Reise nach Tansania konnte er sowohl Schwarzköpfchen (Agapornis personatus) als auch Pfirsichköpfchen (A. fischeri) beobachten, am Lake Manyara entdeckte er Mischlinge zwischen den beiden Arten. Die Suche nach Erdbeerköpfchen (A. lilianae) und Rußköpfchen (A. nigrigenis) führte Eckhard Lietzow nach Sambia. Das Verbreitungsgebiet der Rußköpfchen ist geschrumpft, und es gibt im Freiland nur noch 5.800 bis maximal 10.000 Tiere. In Namibia gelangen beeindruckende Aufnahmen von Rosenköpfchen (A. roseicollis) und Rüppells Papageien (Poicephalus rueppellii). Die letzten Aufnahmen stammten von Madagaskar, sie zeigten Grauköpfchen (Agapornis canus) und Große Vasapapageien (Coracopsis vasa). Durch Brandrodung und Abholzung ist die Natur auf Madagaskar stark bedroht, achtzig Prozent der Wälder sind bereits verloren. Zum Ausklang der gelungenen Tagung gab es am Abend noch ein gemütliches Beisammensein im Café Daimler. René Wüst, der Sprecher des Fonds für bedrohte Papageien, freute sich über die Spenden zahlreicher Papageienfreunde: Papageienfreunde Nord e.V. (1.500 EUR), die Vogelfreunde Achern e.V. (1.000 EUR), Norbert Groß-Hardt (300 EUR) Karl-Heinz Schallenberg (230 EUR), Dr. Michael Woike (200 EUR), Renate Brucker (100 EUR) und der Ulmer-Verlag (50 EUR) sowie die Tierärztlichen Praxis Dr. Bürkle & Dr. Britsch (1.800 EUR), Sebastian Schmidt (500 EUR), Franziska Vogel-Steinhardt (400 EUR) und Gunter und Traude Dürr (150 EUR). Am Sonntag konnten die Tagungs-Teilnehmer nochmals die Wilhelma besuchen und an verschiedenen Führungen hinter die Kulissen teilnehmen. Auch die Papageien-Kollektion begeisterte, da selten zu sehende Arten wie beispielsweise der neuseeländische Kaka (Nestor meridionalis) zu bewundern waren. |
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