11. Tagung des „Fonds für bedrohte Papageien“ im Zoo Leipzig Marion Wiegel, Kulmbach Am Samstag, den 6. Oktober 2007, fand die 11. Tagung für Papageienschutzprojekte und Erhaltungszuchtprogramme des Fonds für bedrohte Papageien, einer Arbeitsgruppe der Zoologischen Gesellschaft für Arten- und Populationsschutz e.V. (ZGAP), im Zoo Leipzig statt. 143 Teilnehmer fanden sich zur Tagung ein. Dieses Jahr war es dank des Engagements eines Mitglieds möglich, ein Tagungsheft mit der Vorstellung des Fonds und der Referenten herauszugeben. Die Begrüßung erfolgte durch René Wüst, Sprecher des Fonds. Speziell begrüßte er Dr. Günter vom VZE. Er beglückwünschte den Zoo Leipzig zu seiner beachtlichten Leistung und stellte den Fonds, dessen Arbeit und die laufenden Projekte vor. Sein Dank ging auch an die Vereine, welche Mitglied im Fonds geworden sind. Zum Schluss zeigte er noch einen kurzen Film mit Aufnahmen aus der Nisthöhle eines Ziegensittichs (Cyanoramphus novaezelandiae), in die eine Ratte eindrang. Eindrucksvoll war eine der Bedrohungen zu sehen, denen die Sittiche ausgesetzt sind. Den ersten Vortrag hielt Gerhard Schmidt aus Fischwasser, Vorsitzender der Interessengemeinschaft Papageienvögel in der VZE. Er referierte über die Zucht von Rotschwanzsittichen (Pyrrhura) und den aktuellen Stand der VZE-Zuchtprogramme. Er ist seit 20 Jahren Züchter dieser Gattung. Detailliert erklärte er die Bedürfnisse und das Verhalten der Sittiche. Er zeigte Habitataufnahmen aus den Verbreitungsgebieten, stellte einzelne Arten und deren Besonderheiten vor und berichtete anschaulich von seinen Erfahrungen. Das Problem bei der Zucht von Rotschwanzsittichen ist, dass nur ein geringer Genpool vorhanden ist und die Inzucht zu stark vorangetrieben wurde. Herr Schmidt ist Ansprechpartner für die Zuchtbücher, leider meldeten sich bisher nur wenige Interessierte. Er ermunterte die Züchter, sich zu beteiligen, um Verpaarungen besser koordinieren zu können. Dr. Sebastian K. Herzog ist wissenschaftlicher Leiter der Partnerorganisation von BirdLife International in Bolivien und seit zwölf Jahren in den Bereichen ornithologische Forschung, Lehre und Artenschutz im Lande tätig. Sein erster Vortrag befasste sich mit Biologie, Bedrohungen und Schutz des Rotohraras (Ara rubrogenys) in Südbolivien. Die Rotohraras haben ein begrenztes Verbreitungsgebiet. Sie brüten in der Zeit von November bis März in den Klippen interandiner Trockentäler, nach der Brutzeit ziehen sie in landwirtschaftlich genutzte Gebiete und fallen dort auch in die Felder ein. Wegen der angerichteten Schäden werden sie von den Bauern abgeschossen oder vergiftet. Auch durch illegalen Fang und Handel sowie durch Habitatveränderungen wird die Art bedroht. Dr. Herzog zeigte hierzu schockierende Bilder vom Papageienhandel in Bolivien. Bei dem Schutzprojekt wurden die Brutgebiete kartiert und der Bestand der Rotohraras ermittelt. Etwa 1.000 Individuen wurden erfasst, vielleicht gibt es noch doppelt so viele. Der andere Schwerpunkt ist die Aufklärung der Bevölkerung. Gemeinsam mit den Einheimischen wird zum Beispiel überlegt, wie die Erträge in der Landwirtschaft und damit die Einnahmen gesteigert werden können, damit keine Vögel gefangen werden müssen, um Geld zu verdienen. Zudem soll ein nachhaltiger Naturtourismus etabliert werden. Eine Lodge mit drei Doppelzimmern wurde hierfür bereits gebaut. Für die Zukunft sind regelmäßige Populationskontrollen geplant, der Ankauf von Land für eine Erweiterung der Lodge sowie den Anbau von Mais für die Aras, die Ausweitung der Öffentlichkeitsarbeit und die regelmäßige Überwachung zur Verhinderung des Tierschmuggels. Der zweite Vortrag von Dr. Herzog handelte von der Entdeckung des Gelbflügel-Grünwangen-Rotschwanzsittichs (Pyrrhura molinae flavoptera) in den Anden Boliviens. Die Entdeckung erfolgte 1993 durch den Holländer Sjoerd Maijer in den Trockentälern der Provinz La Paz. Beschrieben wurde die Unterart 1998. Das Vorkommen liegt zwischen 1.300 und 3.000 m ü. NN. Die Region wird schon sehr lange von Menschen genutzt, es gibt Funde, die aus der Vor-Inka-Zeit stammen. Die Gebiete sind durch Abholzung und weidendes Vieh stark übernutzt, das Habitat regeneriert sich nur schwer. Die natürliche Vegetation wird durch schnell wachsende Bäume wie Eukalyptus ersetzt, was der Natur sehr schadet. Das Gebiet ist für Vögel sehr bedeutend, eine weitere neu entdeckte Vogelart wird derzeit beschrieben. Anschließend zeigte der Vogelzüchter und Naturfotograf Karl-Heinz Lambert aus Schafflund den ersten Teil seines Diavortrags „Unterwegs in Australien“. Bei verschiedenen Reisen auf dem Fünften Kontinent hat er gemeinsam mit seiner Frau insgesamt 120.000 Kilometer zurückgelegt. Der Vortrag begann mit Beobachtungen in Westaustralien, und die Zuschauer konnten die einmalig schönen Bilder genießen. Herr Lambert berichtete viel Informatives von der Tierwelt Australiens, und gab Reisetipps. Seine Dias zu sehen, ist immer wieder ein Vergnügen für Papageienliebhaber. In der Mittagspause bestand die Möglichkeit zum Besuch des Zoos. Danach referierte Detlev Franz, Spezialist für freilebende Halsbandsittiche (Psittacula krameri) aus Wackernheim, über die jahreszeitliche Anpassung der Mauser von Halsbandsittichen im Freiland. Am Anfang stellte er die Unterschiede in der Regulation der Brutzeit bei Papageienvögeln dar. Papageien, in deren natürlichem Verbreitungsgebiet keine ausgeprägten Jahreszeiten existieren, richten ihre Brutzeit nach dem Nahrungsangebot und halten ihre Geschlechtsorgane auf einem hohen Niveau fast betriebsbereit („Stand-by-Betrieb“). Papageien in Regionen mit festen Jahreszeiten und damit einem festgelegten saisonalen Nahrungsangebot regulieren die Aktivität der Geschlechtsorgane (und damit auch des Sexualverhaltens) über das Zusammenwirken von innerer Uhr und dem Taktgeber Fotoperiode (tägliche Hell-Dunkel-Periode). Halsbandsittiche gehören letzterem Typ an, das Volumen beziehungsweise Gewicht der Hoden in aktivem und inaktivem Zustand kann um den Faktor 30 differieren. Die meisten Papageienvögel mausern nach der Brutzeit, um die beiden stoffwechselintensiven Phasen zeitlich zu trennen. Mithin kann die einfache statistische Erfassung der Mauser bei Halsbandsittichen ein Weg sein zu prüfen, ob die Vegetationsperiode für Brut und Mauser lang genug ist, und auch zu untersuchen, ob Unterschiede im Zeitpunkt der Mauser von warmen guten und kalten schlechten Jahren abhängen. Bei den bisherigen Studien in den Jahren von 2004 bis 2007 ist keine Verschiebung der Mauser der Handschwinge 10, die als Indikator genutzt wurde, auszumachen. Dr. med. vet. Volker Schmidt, Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Klinik für Vögel und Reptilien der Universität Leipzig, berichtete über Untersuchungen zu Reproduktionsstatus, Spermagewinnung sowie -analyse bei Vögeln der Ordnung Psittaciformes. Ein Drittel der Papageienarten ist vom Aussterben bedroht. Bei der Zucht können die Monogamie, die saisonale Aktivität und Infertilität Probleme bereiten. Bei den Untersuchungen wird überprüft, ob die Papageien Sperma produzieren und wie der Zustand der Spermien ist. Bewerkstelligt wird dies durch die Kloakenmassagemethode. Bisher gelang dies bei Wellensittichen (Melopsittacus undulatus), Blaukronenamazonen (Amazona ventralis), Banks-Rabenkakadus (Calyptorhynchus banksii), Rosenköpfchen (Agapornis roseicollis), Blauscheitel-Edelpapageien (Tanygnathus lucionensis), Nymphensittichen (Nymphicus hollandicus) und Mönchssittichen (Myiopsitta monachus). Bei der spermatologischen Untersuchung werden durch Anfärben lebende und tote Spermien erkannt. Das Ziel ist die Erarbeitung nicht-invasiver Methoden zur Bestimmung des Reproduktionsstatus. Weitere Untersuchungen betreffen die Zyklusphasen des Hodens. Hierzu werden einmal die Hoden von verstorbenen Wellensittichen untersucht, zum anderen erfolgen eine regelmäßige Absamung sowie eine Hodenbiopsie bei Wellensittichen, Nymphensittichen und Halsbandsittichen. Es wurde festgestellt, dass die Spermienproduktion durch die Biopsie nicht beeinflusst wird, das Klima jedoch wohl Einfluss nimmt. Weiterhin erfolgt eine Hormonanalyse durch Speichel-, Blut- und Kotproben im Jahreszyklus. Die Forschung soll auf Blaustirnamazonen (Amazona aestiva) ausgeweitet werden. Langfristige Ziel ist, künstliche Besamungen durchführen und Sperma tiefgefroren konservieren zu können, um so einen Beitrag zur Arterhaltung zu leisten. Den ersten Zwischenbericht über das Schutzprojekt für den Molukkenkakadu (Cacatua moluccensis) hielt Klaus Sasse aus Bochum. Er ist seit über 30 Jahren Papageienhalter und langjähriges Arbeitskreismitglied. Seit Mitte der 1970er Jahre sind die Bestände des größten der weißen Kakadus rapide geschrumpft. Der Molukkenkakadu ist beheimatet auf der Insel Seram, welche 18.400 km² groß und sehr gebirgig ist (bis zu 3.000 m hohe Berge). Die Kakadus kommen allerdings nur bis 1200 m Höhe vor, und das Verbreitungsgebiet ist teilweise stark besiedelt. Ziel des Projekts ist die Überprüfung der Bestandszahlen des Molukkenkakadus und elf weiterer Papageienarten, die Projektdauer beträgt ein Jahr. Die Ergebnisse der Zählungen sind dann die Grundlage für eventuelle weitere Schutzmaßnahmen. Acht Arten wurden bislang erfasst, vier davon sind auf Seram endemisch. Bis Mai 2007 wurden neun Gebiete besucht, auch auf den vorgelagerten Inseln wurde nachgeschaut und die Bevölkerung befragt. Insgesamt 67 Molukkenkakadus wurden gesehen. Es war festzustellen, dass es ein Nord-Süd-Gefälle gibt; im Norden gab es mehr Sichtungen als im Süden. Eine mögliche Ursache hierfür sind unterschiedliche Regenzeiten. Zu anderen Jahreszeit könnten andere Ergebnisse herauskommen. Die vorläufige Hochrechnung ergibt eine Bestandszahl von 9.360 Molukkenkakadus. Thomas Arndt aus Bretten, Buchautor und Herausgeber der Zeitschrift Papageien, stellte das Schutzprojekt für den Salvadori-Weißohrsittich (Pyrrhura griseipectus) vor. Im letzten Jahr wurde ein Projektantrag für diese Art gestellt. Nach anfänglicher Skepsis besuchte Herr Arndt dieses Jahr die Region im Staat Ceará in Brasilien. Die Baturité-Berge sind das Hauptverbreitungsgebiet der Sittiche, ihr Habitat liegt oberhalb von 500 m ü. NN. In anderen Arealen konnten sie nur in geringer Zahl oder gar nicht nachgewiesen werden. Ein Ziel des Projekts ist, die genaue Verbreitung festzustellen. Möglicherweise war die Verbreitung früher zusammenhängend. Die dortige Trockenvegetation wurde schon häufig abgebrannt und relativ viel der ursprünglichen Natur zerstört. Über die Ernährungsgewohnheiten der Sittiche ist bislang fast nichts bekannt. Sie leben in Gruppen, auch während der Brutzeit. Das Problem bei der Beobachtung ist, dass die Tiere sehr scheu sind. Ursache dafür ist wohl, dass sie gefangen werden. Die Brutzeit ist von März bis Juni. Die Vögel brüten in Bäumen, eventuell auch in Felsen. Bisher konnten sieben Brutbäume beobachtet werden. Die Tiere sind nicht sehr anspruchsvoll bei der Auswahl der Nisthöhle. Es gibt zwei Ursachen für die Gefährdung: Zum einen werden die Vögel von der Bevölkerung gefangen, und es gibt nur noch eine stabile Population in den Baturité-Bergen. Zum anderen erfolgen Rodungen für Erholungsgebiete der Stadtbevölkerung. Die Gesamtpopulation umfasst weniger als 600 Tiere, das Rest-Verbreitungsareal ist 200 km² groß. Letzter Höhepunkt der Tagung war der zweite Teil des Diavortrags „Unterwegs in Australien“ von Karl-Heinz Lambert. Er führte die Zuschauer nach Zentral- und Nordaustralien. Noch einmal waren beeindruckende Aufnahmen der australischen Tierwelt zu sehen, beispielsweise vom Braunkopfkakadu (Calyptorhynchus lathami), wobei es zehn Jahre Geduld erforderte, bis Herrn Lambert diese Aufnahme gelang. Die wunderschönen und stimmungsvollen Bilder waren ein gelungener Ausklang der Tagung. Am Abend gab es dann noch ein gemütliches Beisammensein in der Kiwara-Lodge des Leipziger Zoos mit einem reichhaltigen Buffet. Viele Tagungsteilnehmer nutzten das Angebot, und im afrikanischen Ambiente des Restaurants saß man bis nach Mitternacht zusammen, knüpfte neue Kontakte und führte Fachgespräche. Am Sonntag gab es noch eine Führung durch den Zoo, bei der auch ein Blick hinter die Kulissen ermöglicht wurde. Wieder einmal konnten die Besucher sehr interessante Vorträge aus der Welt der Papageien hören und viel Wissenswertes von dieser Tagung mitnehmen.
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