8. Tagung des „Fonds für bedrohte Papageien“ in Walsrode von Heike Kalbus |
Am Samstag, den 18. September 2004, fand in Walsrode die 8. Tagung des „Fonds für bedrohte Papageien“ statt, die mit circa 175 Besuchern die bisher höchste Teilnehmerzahl verbuchen konnte. Walter Schulz, der Sprecher des Fonds, eröffnete die Tagung, indem er einen kurzen Überblick über die Arbeit des Fonds gab, der in die „Zoologische Gesellschaft für Arten- und Populationsschutz e.V.“ (ZGAP) integriert ist. Alle Mitglieder des Fonds sind ehrenamtlich tätig, so dass Spendengelder und Erlöse aus Tagungen direkt in den Artenschutz fließen. Die letzte Tagung in Coburg hatte einen Reinerlös in Höhe von e 4.100,- € erbracht. Ein schöner Erfolg war auch der Spendenaufruf in der August-Ausgabe der Zeitschrift „Papageien“: Die Möglichkeit, beim Aufgeben einer Kleinanzeige gleichzeitig e 5,- € an den Fonds zu spenden, hatten viele Inserenten wahrgenommen. – Im Anschluss an die Ausführungen von Walter Schulz sprach der Bürgermeister der Gemeinde Bomlitz, Michael Lebid, ein Grußwort.
Nach kurzer Diskussion und Pause referierte Dr. Marcellus Bürkle, bis vor kurzem Tierarzt im Loro Parque auf Teneriffa, ausführlich über die Rolle der Tiermedizin im Artenschutz. Ihr kommen sowohl Aufgaben in situ (vor Ort) als auch ex situ (z.B. Zuchtprogramme) zu: Zu Ersteren gehören die Teilnahme an Studien zur Ermittlung der Bedrohungsfaktoren, die medizinische Überwachung bedrohter Populationen und die Vorbereitung und Überwachung von Wiedereinbürgerungsaktionen. Aktuelles Beispiel für eine erfolgreiche in-situ-Arbeit: Von den 18 im Juni 2004 auf Chalky Island ausgesetzten jungen Kakapos (Strigops habroptila) starben binnen weniger Tage drei Weibchen. Die restlichen Eulenpapageien konnten nach Ermittlung des für den Zur ex-situ-Arbeit gehören neben der Öffentlichkeitsarbeit die medizinische Beratung und Betreuung von Zoos und Züchtern. Eine besonders wichtige Aufgabe sind beispielsweise Zuchttauglichkeitskontrollen (per Endoskopie, ggf. Biopsie), denn nicht-produktive Vögel sind für den Artenschutz verloren. Ein Beispiel sind die Spix-Aras im Loro Parque, deren Untersuchung ergab, dass das Männchen unfruchtbar war. Ein Tausch gegen einen brasilianischen Vogel führte schließlich zum erhofften Nachwuchs. – Fazit der Rolle der Tiermedizin im Artenschutz: Es gilt, Krankheiten zu vermeiden und Nachzuchtzahlen zu optimieren. Im Anschluss an die nun folgende Mittagspause sprach Diplom-Biologe Hans-Jürgen Künne über 17 Jahre Zuchterfahrung mit Hyazintharas (Anodorhynchus hyacinthinus). Seine beiden nacheinander erworbenen Vögel harmonierten nach kurzer Zeit sehr gut – eine wichtige Voraussetzung für die sehr schwierige Zucht. Die Tiere bewohnen eine große Voliere (kleine sowie Hochgehege seien abzulehnen) und erhalten als Hauptfutter verschiedene Nüsse, also eine ziemlich fettreiche Nahrung, mit der Herr Künne sehr gute Erfahrungen gemacht hat, wegen der er jedoch immer wieder kritisiert wurde. – Nach eineinhalb Jahren schritten die Vögel erstmals zur Brut und legten in den Folgejahren etwa 100 Eier, aus denen zwölf Junge schlüpften. Ein Großteil der Embryonen starb beziehungsweise stirbt aus noch nicht geklärten Gründen ab. Wichtig ist, dass die Eier während der Bebrütung ausreichend Gewicht durch Verdunstung verlieren (gegebenenfalls kann man durch vorsichtiges Anbohren der Eischale nachhelfen), soll es nicht unweigerlich zum Absterben kommen. – Die jungen Hyazintharas brauchen sehr lange bis zur Selbständigkeit; wenn sie bei ihren Eltern bleiben, bis zu einem halben Jahr. Nachteil: Die Altvögel brüten im folgenden Jahr nicht. Vorteil: Die Jungen lernen in dieser Zeit viel von ihren Eltern. Zu diesem Thema erwähnte Herr Künne eine kleine Anekdote: Die Besitzerin eines bei ihm geschlüpften Jungvogels rief ein Jahr nach dem Erwerb an, um zu fragen, ob sie nun immer noch per Hand füttern müsse, sie habe allmählich keine Lust mehr dazu. Fazit der bisherigen Haltung: Hyazintharas sind im Prinzip wegen ihres robusten Wesens leicht zu halten, doch nach wie vor schwer zu züchten. Die meisten Alt-Importe sind inzwischen gestorben und Nachzuchten fehlen, so dass die Vögel entsprechend begehrt und teuer sind. Es sei ein Fehler gewesen, immer alle Jungvögel weggegeben und keine für den Aufbau eines Zuchtstamms zurückbehalten zu haben. Der nun vorgesehene Beitrag entfiel leider: Thomas Deppert, der über die Bepflanzung von Papageienvolieren hatte sprechen wollen, sagte kurzfristig ab. Ein kapitaler Motorschaden seines Wagens hatte seiner Anreise nach Walsrode ein jähes Ende gesetzt. Daher ging es mit dem zweiten Vortrag aus tiermedizinischer Sicht weiter, der so manchen Zuhörer wachgerüttelt haben dürfte. Dr. Veit Kostka, Vogelspezialist aus Hamburg, referierte über das Thema „Sinnvoller Antibiotika-Einsatz – Erkrankungen wirksam bekämpfen – Ressourcen erhalten“. Momentan sieht die Lage so aus, dass etliche bakterielle Infektionserreger gegen ehemals gut wirksame Antibiotika resistent sind. Die Gründe liegen auf der Hand: Der jahrelange ungezielte Einsatz (besonders in der Nutztierhaltung) hat zu diesem Missstand geführt, desgleichen die Behandlung von Bagatellinfektionen mit Antibiotika. Besonders kritisch ist der sorglose Umgang mit den so genannten Reserve-Antibiotika (zum Beispiel Baytril), die ursprünglich für die Fälle gedacht waren, in denen nichts anderes mehr half. Aus Gründen des Tier- und Artenschutzes ist es jedoch wichtig, die Voraussetzungen für eine wirkungsvolle Bekämpfung zu erhalten. – Im Folgenden erläuterte Dr. Kostka sehr detailliert, wie es zur Entstehung von Resistenzen kommt und wie ein ungezielter Antibiotika- Einsatz und ein gezielter aussehen. Ungezielter Einsatz: Symptomatik als einziger Orientierungspunkt, ohne Erregeranzucht, ohne Resistenzprüfung, ohne klinische und mikrobiologische Kontrolle. Gezielter Einsatz: gründliche Untersuchung, Erregeranzucht, Resistenzprüfung, richtige Dosierung und Anwendungsdauer, mikrobiologische Erfolgskontrolle, Nachbehandlung zur Wiederherstellung der Darmflora. Fazit: Dem Patienten muss zwar häufig sofort ein Medikament verabreicht werden, doch parallel wird von Dr. Kostka in der Tierklinik immer ein Resistenztest durchgeführt (dessen Ergebnis nach 12 bis 24 Stunden vorliegt), um gegebenenfalls korrigieren zu können. Nach anschließender Diskussion und kurzer Pause sprach Dr. Dieter Rinke, Zoologischer Direktor und kommissarischer Geschäftsführer des Vogelparks Walsrode, über Papageienschutz im tropischen Pazifik (Salomonen-Inseln ausgenommen). Eine massive Gefahr für die auf den pazifischen Inseln lebenden Papageien stellen vom Menschen eingeschleppte Arten (Konkurrenten und Räuber) dar, allen voran die Hausratte. Selbst bei bisher noch rattenfreien Inseln besteht immer die Gefahr des Einwanderns, so dass diese Bedrohung auch für Spezies mit (noch) stabilen Bestandszahlen grundsätzlich gegeben ist. Auf Ouvea, der Heimat des hier endemisch vorkommenden, hoch bedrohten Uvea-Hornsittichs (Eunymphicus cornutus uvaeensis), wo die in Frage kommenden Nisthöhlen auch noch zu 50 % von eingeschleppten Honigbienen besetzt sind, sind beispielsweise an allen Boots- und Schiffsanlegestellen Rattenköder ausgelegt. Haben sich Ratten erst einmal ausgebreitet, ist eine Säuberungsaktion auf einer bewohnten Insel nicht mehr möglich, dann hilft nur noch eine Umsiedlung. Dass auch diese nicht ohne weiteres durchführbar ist, zeigt das Beispiel des auf den Marquesas vorkommenden Ultramarin-Loris (Vini ultramarina). Die Marquesas gehören zu den am stärksten vom Menschen modifizierten Inseln, und es ist sehr schwer, für den Lori, der nicht in Menschenobhut gehalten wird und deshalb eigentlich als bedrohter gelten muss als der Spix-Ara, eine von Ratten verschonte neue Heimat zu finden. – Sicherer ist da beispielsweise der Henderson-Lori (Vini stepheni), der völlig unberührt und weit ab von allen Schiffsrouten auf Henderson Island lebt. In Menschenobhut sind pazifische Papageien kaum vertreten, wie Dr. Rinke anhand einer Tabelle, die die 15 in seinem Vortrag erwähnten Arten beinhaltete, erläuterte. Lediglich der Hornsittich (Eunymphicus c. cornutus) ist häufiger zu finden und wird regelmäßig nachgezogen, fünf Spezies hingegen werden gar nicht und sechs nur sehr selten gehalten. Thomas Arndt, Herausgeber dieser Zeitschrift und soeben aus Indonesien zurückgekehrt, beendete die Reihe der Vorträge mit einem Bericht über den aktuellen Stand des Schutzprogramms für den Orangehaubenkakadu (Cacatua sulphurea citrinocristata) auf Sumba, d.h. er lieferte ein sehr anschauliches Beispiel für die Arbeit des Fonds (in Zusammenarbeit mit BirdLife Indonesia). 2002 begann das Projekt mit einer Bestandsaufnahme inner- und außerhalb der beiden Nationalparks, außerdem wurde ein einheimischer Parrot Officer angelernt. Besonders in Indonesien ist es wichtig, mit Einheimischen zusammen zu arbeiten. Zahlreiche Aktionen wurden durchgeführt, um die Bevölkerung für den Schutz des Kakadus, dessen Bestände durch Fang und Lebensraumzerstörung abgenommen haben, zu sensibilisieren. Wichtig, wenn auch zeitraubend, sind Gespräche in den Dörfern nahe der Kakadu-Gebiete sowie Gespräche mit Fängern und Holzfällern. Aufklärungsvideos werden gezeigt, die besonders attraktiv sind, da es in den Dörfern keinen Strom gibt. Das ganze Dorf kommt jeweils zusammen, um diese Filme zu sehen, zumal im Anschluss noch ein Actionfilm läuft – ein nicht unwichtiger Anreiz, um die eigentliche Botschaft unter die Leute zu bringen. Auch in Schulen wird ein Film gezeigt, den Thomas Arndt den Tagungsteilnehmern vorführte, wobei er die Dialoge jeweils übersetzte. Hauptdarstellerin ist ein Mädchen, das sich – schließlich mit Erfolg – für die Freilassung eines gefangenen Kakadus einsetzt. – Öffentliche Ausstellungen und Tombolas, bei denen T-Shirts zu gewinnen sind, gehören ebenfalls zu den Artenschutz-Aktionen. Diese Aufklärungsarbeit in Verbindung mit Beschlagnahmungen seitens der Behörden ist ein sehr wirksames Instrument des Artenschutzes. Ende 2004 läuft das Projekt, das jährlich Mittel in Höhe von e 10.000,- bis 15.000,-€ benötigt, allerdings erst einmal aus, und seine weitere Finanzierung ist unsicher. Würde man jetzt tatsächlich aufhören, könnten alte Zustände wieder aufleben: Nach zwei, drei Jahren Ruhe würde der Fang vermutlich wieder beginnen. |
Zu diesem Rekord hatte sicher die unmittelbare Nähe zum Vogelpark Walsrode beigetragen. Tagungsort war das direkt am Park gelegene Hotel Luisenhöhe, und es bestand die Möglichkeit, den Park sowohl während der Tagung als auch am Freitag und Sonntag kostenlos zu besuchen. Diese Option war um so attraktiver, als am Samstag während der Mittagspause kaum Gelegenheit war (wenn man das in der Tagungsgebühr enthaltene Mittagessen in einem der beiden Park-Restaurants wahrnehmen wollte), mehr als einen Blick auf die Vögel zu werfen.
Diplom-Biologe Bernd Marcordes, Kurator im Vogelpark Walsrode, hielt den ersten der thematisch breit gefächerten Vorträge und referierte über „Die Haltung und Zucht seltener Papageienarten im Vogelpark Walsrode“. Damit unternahm er quasi einen Streifzug durch die Geschichte der Papageienhaltung im Park, denn er hatte sich der nicht unerheblichen Mühe unterzogen, zu recherchieren und aufzulisten, wann welche Arten in dem seit 42 Jahren bestehenden Park gehalten und wann beziehungsweise ob sie nachgezogen wurden. Zum Teil hatte er jedoch keine konkreten Daten ermitteln können. – Besonders ab den 1970er Jahren gab es in Walsrode viele seltene Arten, zum Beispiel den Spix-Ara (Cyanopsitta spixii), den Lear-Ara (Anodorhynchus leari) und den Gelbohrsittich (Ognorhynchus icterotis). Damals gelangen Welterstzuchten wie die des Braunloris (Chalcopsitta duivenbodei) und europäische Erstzuchten wie die des Kap-Papageis (Poicephalus robustus). Außerdem unterhielt der Park zwei Zuchtstationen im klimatisch begünstigten Ausland, zum einen in der Dominikanischen Republik (für einige Jahre, ab 1982), zum anderen auf Mallorca (1987-2000). – Inzwischen ist der Papageienbestand deutlich reduziert worden, was seinenGrund in der Zusammenlegung von Volieren hat. Nur noch die für den Park wichtigen Arten werden gehalten.
Marion Wiegel vom „Gnadenhof für notleidende Papageien e.V.“ referierte anschließend über die Problematik von Abgabevögeln. Beim Gnadenhof handelt es sich um eine Institution, die physisch und psychisch gestörten Papageien ein dauerhaftes Zuhause bietet, wobei ausschließlich Notfälle aufgenommen werden. Derzeit leben dort 102 Papageien, die teils in Gruppen und teils paarweise in großzügigen, abwechslungsreich und bei Bedarf behindertengerecht eingerichteten Volieren untergebracht sind. Außerdem leistet der Gnadenhof Aufklärungsarbeit mit dem Zweck der Prävention. Es gibt beispielsweise Servicezeiten für telefonische Beratungen – schließlich gehören zu den häufigsten Abgabegründen Verhaltensstörungen, die wiederum ihre Ursache in den bisherigen Haltungsbedingungen haben. Oft genannte Probleme sind Schreien, Aggressivität, Zwangsbewegungen und Rupfen (bis hin zum Kannibalismus). Diese Punkte wurden von Frau Wiegel detailliert erläutert. Je nach Einzelfall sind derartige psychische Störungen unter Umständen nur schwer, auf lange Sicht oder nur teilweise zu beheben, wie anschauliche Fotos und Beispiele zeigten. Fazit: Damit es gar nicht erst zu Verhaltensstörungen kommt, muss das Bild des einzeln gehaltenen, sprechenden Papageis aus den Köpfen verschwinden.
Tod verantwortlichen Bakteriums erfolgreich mit Antibiotika behandelt werden. – Ein wichtiger Bereich der medizinischen Überwachung ist das Sammeln von Grundlagendaten (z.B. Darmflora, Parasitenstatus, Blutwerte), damit im Falle des Auftretens von Infektionskrankheiten Vergleichsdaten zur Verfügung stehen. Bei Wiedereinbürgerungsaktionen schließlich, der Ultima Ratio zur Rettung einer Art, müssen sämtliche zur Verfügung stehenden Testsysteme zur Erkennung von Krankheiten angewendet werden, um eine Gefährdung der Population auszuschließen. Dabei entstehen pro Vogel nicht unerhebliche Kosten in Höhe von mindestens e 415,- €– Mittel, die besser schon im Vorfeld zur Erhaltung noch bestehender Populationen eingesetzt werden sollten.