Untersuchungen zur Bestandssituation und zur Ökologie der Ecuadoramazone (Amazona a. lilacina) in SW-Ecuador |
|
von Die Ecuadoramazone (Amazona autumnalis lilacina), eine der vier Unterarten der Gelbwangenamazone (Amazona autumnalis), ist in ihrer Verbreitung auf den Westen Ecuadors beschränkt (Chapman, 1926; Forshaw, 1989).In den letzten Jahren durchgeführte Beobachtungen der Ecuadoramazone (Strunden et al., 1987; Benitez, 1992) ergaben, daß sich die Vögel dort offenbar ausschließlich auf die küstennahe Kordillere des Chongon-Colonche konzentrieren. Diese erstreckt sich mit maximal 832 m Höhe zwischen etwa 1'40' und 2'10' südlicher Breite sowie 80'20' und 80'47' westlicher Länge. Es herrschen jährliche Durchschnittstemperaturen von 20' bis über 23'C, Regen- und Trockenzeiten sind ausgeprägt (Schütte, 1968). Die Regenzeit dauert von Dezember bis Mai (Linke, 1964), die durchschnittliche jährliche Niederschlagsmenge liegt zwischen 250 und 1.000 mm (vergl. Valverde, 1991). In höheren Lagen ist die Vegetation von Nebelniederschlag beeinflußt (Dodson und Gentry, 1991). Entsprechend variiert die Ausprägung der natürlichen Vegetation vom laubabwerfenden Trockenwald bis zum prämontanen Nebelwald (vergl. Valverde, 1991). Die ursprünglich großflächigen Wälder Westecuadors sind bis 1988 bereits auf 3 % ihrer ehemaligen Ausdehnung reduziert worden (Dodson & Gentry, 1991). Erste Schätzungen des Bestandes von A. a. lilacina ergaben 100 bis 500 Individuen (Benitez, 1992). Lambert et al. (1993) stufen den Bestand als "gefährdet" ein; die Population ist vermutlich die kleinste aller Amazonentaxa auf dem Festland. Angaben zur Ökologie und Brutbiologie der Ecuadoramazone fehlten bisher fast vollständig und basierten zumeist auf der Grundlage von Befragungen oder auf Gefangenschaftsbeobachtungen. Weitergehende Untersuchungen über Verbreitung, ökologische Ansprüche und Gefährdungsursachen dieser Unterart erschienen daher dringend erforderlich (Lambert et al., 1993). Die bestehenden Wissenslücken zu verkleinern und einen wirksamen Schutz der Tiere zu ermöglichen, war Anliegen der im Rahmen einer Diplomarbeit von Anfang Januar bis Ende Mai 1994 durchgeführten, durch den FONDS FÜR BEDROHTE PAPAGEIEN der ZOOLOGISCHEN GESELLSCHAFT FÜR ARTEN- UND POPULATIONSSCHUTZ teilfinanzierten Untersuchungen an freilebenden Populationen der Ecuadoramazone. Untersuchungsgebiete und Methode 1. Bosque Protector Cerro Blanco und die angrenzenden Mangroven. Der Schwerpunkt der Untersuchungen wurde auf ein damals 2.000 ha großes privates Schutzgebiet (mittlerweile wurden weitere 1.000 ha zugekauft) am südöstlichen Ausläufer der Cordillera Chongon-Colonche, etwa 16 km westlich der Stadt Guayaquil, gelegt. Es erstreckt sich über Höhenlagen von 120 m bis 420 m ü. NN. Die natürliche Vegetation ist zum Teil dem laubabwerfenden Trockenwald zuzurechnen, in den klimatisch feuchteren Tälern sind die Bäume immergrün (vergl. Valverde', 1991; Foster, 1992). Etwa ein Drittel des damaligen Schutzgebietes besteht aus Primärwald oder in ihrer Ausprägung nur geringfügig gestörten Wäldern, der Rest setzt sich aus stärker gestörten Waldbereichen und stark verbuschter Sekundärvegetation zusammen (Horstman, pers. Mitt.) Ein kleiner Bereich des Schutzgebietes ist für Besucher unter sachkundiger Führung geöffnet, das übrige Gebiet ist nur zu Forschungszwecken zugänglich. Etwa zwei Kilometer südlich des Schutzgebietes beginnen die Gezeitenwälder der Mangroven, welche sich nach Süden und Osten um den Golf von Guayaquil ausdehnen. Das Untersuchungsareal erstreckte sich über ca. 250 ha. Die Mangroven bilden von Wasserwegen begrenzte, undurchdringbare Parzellen, die jedoch bei Flut mit dem Kanu umfahren werden können. Für die Anlage von Krabbenaufzuchtbecken ist die Bestandsfläche der Mangroven auch im Untersuchungsgebiet zum großen Teil dezimiert worden. 2. Die Kommune. Vergleichende Beobachtungen fanden in einem etwa 3.000 ha umfassenden Gebiet im zentralen Abschnitt der Cordillera Chongon-Colonche statt, das im folgenden als "Kommune" bezeichnet wird. Da es sich hierbei um kein bewachtes Gebiet handelt, nehmen wir aus Gründen des Artenschutzes von einer Publikation der genauen geographischen Lage Abstand. Die Höhenlagen reichen von 80 m bis 460 m ü. NN. Im Süden des Gebietes erstreckt sich ein etwa drei Kilometer breites, zum Teil landwirtschaftlich erschlossenes Tal mit einer dörflichen Ansiedlung. Die angrenzenden Berge werden partiell landwirtschaftlich genutzt, und es wird Holz geschlagen. Das Gebiet liegt mit 500 bis 800 mm durchschnittlicher Jahresniederschlagsmenge in einem der trockensten Sektoren der Kordillerenkette (Valverde, 1991). Die Vegetationsformen reichen vom laubabwerfenden Trockenwald bis zum prämontanen Nebelwald. Methode Die Nahrungsaufnahme wurde registriert und die verzehrten Pflanzenteile bestimmt. Auf Feinde und mögliche Konkurrenten wurde geachtet. Der Untersuchungszeitraum war so gelegt, daß er die vermutete Brutzeit der Tiere einschloß. (Die Schätzungen über den Beginn der Brutzeit beruhten auf Angaben der Ornithologischen Gesellschaft Ecuadors, CECIA, über den Zeitpunkt, an dem alljährlich auf den ecuadorianischen Märkten illegal gehandelte Jungvögel von A. a. lilacina erscheinen.) Es bot sich die Möglichkeit, erstmals freilebende Brutpaare von A. a. lilacina zu beobachten. Auf jegliche Annäherung an die Nester, wie es zum Vermessen von Eiern und Jungtieren notwendig gewesen wäre, wurde bewußt verzichtet, da sich die Tiere als sehr scheu erwiesen und die Folgen einer möglichen Störung nicht abgeschätzt werden konnten. Daher beschränkten sich die Untersuchungen auf Beobachtungen aus angemessener Entfernung. Die erhobenen Daten wurden statistisch ausgewertet. Ergebnisse Gesamtbestand und Statuseinschätzung Räumliche und zeitliche Verteilung der Ecuadoramazonen in den Untersuchungsgebieten. Die tägliche Wanderung zwischen dem Schutzgebiet und den Mangroven läßt sich dadurch erklären, daß die Mangroven im Vergleich zum Trockenwald nur eine wenig abwechslungsreiche Nahrung bieten, hingegen dort ein besserer Schutz vor Feinden gegeben ist. Als Bruthabitat kommen die Mangroven südlich des Cerro Blanco wegen eines zu geringen Stammdurchmessers der Bäume nicht in Frage. Da es im zweiten Untersuchungsgebiet, der Kommune, keine Mangroven in erreichbarer Nähe gibt, fallen hier potentielle Schlafplätze und Aufenthaltsorte zusammen. Dennoch zogen Ecuadoramazonen am Morgen in die nördlichen Berge und kehrten am Abend zurück. Allerdings hielten sich einige Tiere auch ganztags im südlichen Abschnitt des Beobachtungsgebietes auf. Sammelplätze und Schlafbäume konnten nicht gefunden werden, schienen aufgrund der beobachteten Flugrouten jedoch, wie im Cerro Blanco, zu wechseln. Die Beobachtungen der Schwarmgrößen und Schwarmstruktur wichen nicht wesentlich von den Ergebnissen im Cerro Blanco ab. Natürliche Feinde Brutbiologie Schutzmaßnahmen Angesichts des enormen Bevölkerungsdrucks in Ecuador (Dodson & Gentry, 1991) und der wirtschaftlichen Situation der meisten Menschen müssen Schutzmaßnahmen auch den ökonomischen Ansprüchen der Menschen gerecht werden (vgl. Munn, 1992). In diesem Sinne sind Projekte zu unterstützen, die den Einwohnern der Kordillere eine alternative Einkommensquelle zur Abholzung der Wälder bieten und gleichzeitig die Wiederaufforstung und den Habitatschutz fördern. Wie wirkungsvoll Umwelterziehung sein kann, zeigt Butler (1992) am Beispiel der Amazonenarten der Kleinen Antillen. Damit werden diejenigen Menschen angesprochen, die direkt in den Lebensraum eingreifen. Erste Ansätze hierzu sind in Westecuador bereits zu finden. Schwieriger zu kontrollieren ist vermutlich der Handel mit den Vögeln, der den Fängern und Händlern mehr Geld einbringt als sie anderweitig verdienen können. Letztlich spiegelt der Handel jedoch nur die Nachfrage nach Papageien als Haustiere wider, hier müssen Bewußtseinsänderungen über die Grenzen Ecuadors hinaus einsetzen. Danksagung Norbert Reintjes, Werner Lantermann, dem Leiter des Bosque Protector Cerro Blanco, Eric Horstman, sowie allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Clarice Strang Watkins und ihrer Familie, dem Direktor des Proyecto Eduardo Aspiazu, Guillermo Garcia, und allen Angestellten sowie den Menschen der in das Projekt integrierten Kommune, Andrea Blomenkamp, dem Consejo Ecuadoriana para la Conservacion e Investigacion de Aves (CECIA), dem Ministerio de Agricultura y Ganaderia, Dr. Herbert Schlenker, Dr. Friedemann Köster, Dra. Flor de Maria Valverde. Finanziell unterstützt wurde das Projekt durch den FONDS FÜR BEDROHTE PAPAGEIEN, den "Vogelschutz- und Zuchtverein, Vogelliebhaber Karlsbad e.V." und durch das Institut für Papageienforschung e.V. Literatur Brice, A.T., K. H. Dahl k C.R. Grau (1989): Pollen digestibility by Hummingbirds and Psittacines. Condor 91: 681-688. Butler, P.J. (1992): Parrots, pressures, people, and pride. Pp. 25-46 in Beissinger, S.R., & N.F.R. Snyder (eds.). New World parrots in crisis. Solutions from conservation biology. Washington. Castro, B.A. Diaz A N.O. Herrera Serrano (1994): Biologia reproductiva de la "Cotorra Frente Blanca" (Amazona albifrons) enbarrade Santiago, Ahuachapan, El Salvador. Licenciado en Biologia. Universidad de El Salvador. Facultad de Ciencias Naturales y Matematicas, Escuela de Biologia. Chapman, C.A., L. J. Chapman & L. Lefebvre (1989): Variability in parrotflock size: possible functions of communal roosts. Condor 91: 842-847. Chapman, F.M. (1926): The distribution of bird-life in Ecuador. A contribution to a study of the origin of Andean bird-life. BulL Amer. Mus. Nat. Hist. LV: 3-784. Dodson, C.H., & A.H. Gentry (1991): Biological extinction in Westem Ecuador. Ann. Missouri Bot. Gard. 78/2: 273-295. Forshaw, J.M. (19S9): Parrots of the world. 3rd ed. London. Foster, R. (1992): Cerro Blanco (Moist limestone forest). Site description and vegetation. Pp. 42-43 in Parker III, T.A., & J.L. Carr (eds.). Status of forest remnants in the Cordillera de la Costaand adjacentareas of Southwestern Ecuador. Conservation International, Washington D.C. Lambert, F., R. Wirth, U. S. Seal, J.- B. Thomsen & S. Ellis-Joseph (1993): Parrots - an action plan for their conservation 1993-1998. Draft II. Birdlife International, Cambridge. Linke, L. (1964): Ecuador. Country of contrasts. 3rd ed., London. Nichols, T.D. (1981): St. Vincent Amazon (Amazona guildingii): Predators, clutch size, plumage polymorphism, effect of the volcanic eruption, and population estimate. Pp. 89-93 in Pasquier R.F. (ed.). Conservation of New World Parrots. Proceedings of the ICBP Working Group Meeting St. Lucia, 1980. Washington. Reijns, P.J., A J.N.C. van der Salm (1981): Some ecological aspects of the Yellow-shouldered Amazon (Amazona barbadensis rothschildi). Pp. 227-231 in Pasquier R.F. (ed.). Conservation of New World Parrots. Proceedings of the ICBP Working Group Meeting St. Lucia, 1980. Washington. Schütte, K. (1968): Untersuchungen zur Meteorologie und Klimatologie des El Nino-Phänomens in Ecuador und Nordperu. S. 1-153 in Flohn, H. (Hrsg.). Bonner Meteorologische Abhandlungen 9. Bonn. Snyder, N.F.R., W. B. King & C.B. Kepler (1981): Biology and conservation of the Bahama Parrot. Living Bird 19: 91-114. Snyder, N.F.R., J. W. Wiley & C.B. Kepler (1987): The parrots of Luquillo: natural history and conservation of the Puerto Rican Parrot. Los Angeles. Strunden, H., T. Arndt, R. Wirth & A. Sojer (1987): Die Ecuadoramazone - eine gefährdete Papageienform. Gef. Welt ll: 290-292. Valverde, F. de M. (1991): Estado actual de la vegetación natural de la Cordillerade Chongon-Colonche. Instituto de Investigaciones de Recursos Naturales de la Facultad de Ciencias Naturales de la Universidad de Guayaquil. Ward, P., & A. Zahavi (1973): The importance of certain assemblages of birds as, "informationcentres" for food-finding. Ibis 115: 517-534. Wolters, H.E. (1975-1982): Die Vogelarten der Erde. Hamburg. |