Die atlantiknahen Wälder Brasiliens zeichnen sich, im Gegensatz zu den Wäldern Amazoniens, durch eine große Breitenausdehnung von ca. 7 °S bis ca. 32 °S bei geringer Längenausdehnung sowie durch eine große Variabilität der Höhenlage durch diverse Bergketten aus. Durch diese Lageverhältnisse finden sich dort viele endemische Arten, z.B. 90 % der vorkommenden Frösche und 70 % der vorkommenden Reptilien. Unter den Vögeln konnten etwa 200 endemische Arten festgestellt werden. Hierbei lassen sich verschiedene Subzentren des Endemismus ausmachen. Beispielsweise leben im "Pernambuco-Zentrum", von dem hier berichtet werden soll, 36 endemische Vogelarten.
Die Region liegt auf etwa 9 °S am Sao Fransico-Fluss und zeichnet sich dadurch aus, dass sie wohl am stärksten durch anthropogene Eingriffe gestört, gleichzeitig aber am wenigsten untersucht und geschützt ist. Folglich findet sich hier eine der größten Konzentrationen gefährdeter Vogelarten in Brasilien.
Die Gründe für die Waldzerstörung sind der schon seit dem 16. Jahrhundert betriebene Zuckerrohranbau auf Plantagen und die zugehörigen Zuckermühlen (usinas), sowie die Anlage von Rinderranches. Zusätzlich sind die Gewinnung von Naturprodukten und die Jagd an der Gefährdung und Ausrottung von Arten beteiligt.
Zunächst waren flussnahe Ebenen von der Entwaldung betroffen, später auch Hochebenen. Ihren Höhepunkt erreichte die Waldzerstörung von den 1970er Jahren bis 1988, als die Brasilianische Regierung Produktionssteigerungen der Zuckermühlen subventionierte und diese folglich jedes Stück nutzbares Land in Zuckerrohrplantagen umwandelten. Verblieben sind heute lediglich Waldstücke an Orten, die für den Anbau ungeeignet sind (Hanglagen, enge Täler) oder in der Nähe von Wasserquellen, die im Sinne der Mühlen vor Pestizideinträgen geschützt werden sollten. Insgesamt handelte es sich Sattelitenaufnahmen zufolge 1995 um 2124,12 km2 von ehemals 56.000 km2 oder umgerechnet 3,79 % der ursprünglichen Waldfläche des Pernambuco-Gebietes; bis heute dürfte sich diese Zahl weiter verringert haben.
Von den ursprünglich mindestens zehn Papageienarten des Pernambuco-Gebietes (Blaustirn-Zwergara Diopsittaca nobilis, Salvadori-Weißohrsittich Pyrrhura anaca (früher Pyrrhura leucotis griseipectus), Jandayasittich Aratinga jandaya, Goldstirnsittich A. aurea, Goldschwanzpapagei Touit surda, Blauflügelsperlingspapagei Forpus xanthopterygius, Tirikasittich Brotogeris tirica, Reichenow-Schwarzohrpapagei Pionus menstruus reichnowi, Granada-Amazone Amazona rhodocorytha, Venezuela-Amazone A. amazonica) konnten sich einige besser, andere schlechter an die veränderten Lebensbedingungen adaptieren. Ihre Gefährdung resultiert vor allem aus dem Fang für den Heimtiermarkt und aus dem Mangel an geeigneten Bruthöhlen in hohlen Bäumen.
Im Folgenden sollen die Ergebnisse einer Feldstudie in 15 Waldfragmenten im brasilianischen Bundesstaat Alagoas (angrenzend an den Bundesstaat Pernambuco) aus dem Jahr 2001 dargestellt werden.
Methoden:
Die Untersuchung im Oktober 2001, die von der Strunden Papageienstiftung mit US$ 3.000 finanziert wurde, hatte zum Ziel, bislang unbekannte Populationen endemischer Vögel zu finden und den Status von 15 Waldfragmenten zu bewerten, die alle im Besitz verschiedener "usinas" sind. Für jedes Fragment wurden Arten- und Individuenzahlen (durch Beobachtung und Stimmenaufnahme), Gruppengrößen, Habitattyp und -größe sowie das Verhalten der Vögel registriert.
Ergebnisse:
Die untersuchten Fragmente unterschieden sich deutlich bzgl. ihres Zustandes und Schutzstatus, zudem bzgl. der Vegetation korrelierend zur Niederschlagsmenge in den Gebieten.
Die Gebiete waren zwischen 25 und 800 ha groß und lagen zwischen 30 und 590 m über dem Meer. Es wurden jeweils zwischen 2,1 und 11 Stunden im Feld verbracht, wobei zwischen 20 und 103 Vogelarten je Gebiet registriert werden konnten. Interessanterweise wiesen nicht die Gebiete mit ähnlicher Vegetation die größten Gemeinsamkeiten auf, auch die Entfernung der Gebiete voneinander war nicht für den Grad der Ähnlichkeit der Avifauna ausschlaggebend. Vielmehr konnten unterschiedliche Vogelgesellschaften mit der Höhe über und der Entfernung vom Meer korreliert werden.
In mindestens acht der Gebiete konnten Wilderer oder Wildererspuren festgestellt werden, in mindestens sieben Gebieten wurde aktueller Holzeinschlag verzeichnet.
Von den zehn Papageienarten (s.o.) konnten sieben nachgewiesen werden. Beide Amazona-Arten sowie der Salvadori-Weißohrsittichsittich scheinen aus dem Alagoas-Gebiet verschwunden zu sein.
Der Blaustirn-Zwergara konnte in neun der 15 Gebiete, teilweise in großer Zahl, angetroffen werden. Dies ist überraschend, da die Art für den Heimtiermarkt gefangen wird (und sogar optisch zu Amazona "umgewandelt" wird) und auf Baumhöhlen für die Brut angewiesen ist. Auch der Jandayasittich wurde, trotz der selben Bedrohung, recht häufig angetroffen. Vom Tirikasittich, in SO-Brasilien weitverbreitet und sogar in der Innenstadt von Sao Paulo anzutreffen, konnte nur ein einziges Paar registriert werden. Noch 1986 war die Art für Alagoas als weitverbreitet beschrieben worden.
Der Reichenow-Schwarzohrpapagei, eine Unterart des im Amazonas-Gebiet weit verbreiteten Schwarzohrpapageien (Pionus menstruus), ist massiv von Habitatzerstörung und Fang betroffen. Die Art wurde in nur vier Gebieten angetroffen, obwohl auch in weiteren Gebieten geeignete Habitate gefunden wurden. Sie ist mindestens als gefährdet einzustufen.
Der Goldstirnsittich war der am häufigsten angetroffene Waldpapagei. Sein Überleben ist wohl seiner schlechten Eignung zum Käfigvogel zu verdanken; außerdem nimmt er auch mit jüngeren Wäldern und alternativen Nistgelegenheiten wie Termitenbauten vorlieb. Diese beiden Faktoren treffen für die Amazona-Arten nicht zu, womit ihr Verschwinden erklärt werden kann.
Auch für den Jandayasittich und den Blaustirn-Zwergara konnten alternative Nistgelegenheiten registriert werden. Letzterer hat sogar Wildpopulationen in SO-Brasilien etablieren können und nistet, z.B. in Sao Paulo und Rio de Janeiro, auch in Gebäuden. Neben den genannten Papageien wurden in einem Gebiet noch der Goldstirnsittich und in zwei Gebieten der Blauflügelsperlingspapagei gesichtet.
Schutzmassnahmen:
Sämtliche Waldfragmente sind von Zuckerrohrplantagen und/oder Weiden umgeben und somit voneinander isoliert. Dies stellt vor allem für Unterwuchs- und Bodenbewohner eine unüberwindliche Barriere dar. Die oft zu kleinen Gebiete tragen langfristig keine existenzfähigen Populationen. Hier ist die Schaffung von bewaldeten Korridoren, etwa entlang von Wasserläufen oder Berghängen, dringend erforderlich.
Auch dem (selektiven) Holzeinschlag für den lokalen Bedarf und der Feuerholzgewinnung müssen Alternativen gegenübergestellt werden, um zu gewährleisten, dass den Vögeln auch alte Bäume zur Verfügung stehen. Beispielsweise die Pflanzung von schnellwüchsigen Arten könnte den Holzbedarf der Menschen decken helfen. Außerdem könnte die Pflanzung von fruchttragenden Arten den Lebensraum für die Vögel bereichern.
Weiterhin ist die Wilderei mit Schusswaffen und Hunden ein grundlegendes Problem. Sie ist häufig nicht die Folge der Armut der ansässigen Bevölkerung, sondern wird als Freizeitaktivität durch die wohlhabendere, z.T. städtische Bevölkerung, betrieben. Hunger ist sicher nicht der Grund dafür, zumal Munition, Verpflegung und Anreise den Wilderer mehr kosten als Nahrungsmittel. So kostet eine einzige Gewehrpatrone kaum weniger als ein Kilogramm Hühnerfleisch. Zudem führt die Anwesenheit der Wilderer nicht selten dazu, dass gerade jagdbares Wild den Gebieten fernbleibt.
Empfehlungen für die weitere Forschung:
Oftmals ist der taxonomische Status endemischer Unterarten nicht ausreichend belegt. Viele Taxa waren ursprünglich als eigene Art beschrieben, später jedoch, teilweise unbegründet, mit anderen Taxa zu verschiedenen Unterarten einer Art zusammengefasst worden. Daher werden sie bei Schutzmaßnahmen nicht vorrangig behandelt, was z.B. Pionus menstruus reichnowi betrifft. Auch hätte eine veränderte taxonomische Einordnung massiven Einfluss auf die Zahl der als endemisch und/oder bedroht einzustufenden Arten.
Auch die optimale Zusammenstellung der Baumarten für die Verbindungskorridore zwischen den Waldfragmenten muss erforscht werden. Dabei gilt es Potentiale der Zusammenarbeit mit den lokalen NGOs und Verwaltungen in Hinblick auf die Beteiligung der Bevölkerung zu nutzen. So können die Korridore beispielsweise auch als Feuerholzquelle genutzt werden und sie werden von der Bevölkerung schnell als nützlich wahrgenommen.
Summary:
Caused by the large latitudinal gradient from 6°S to 32°S and several mountain ranges, the forests in northeastern Brasil are important centers of endemism. At least 200 bird species are recognized as endemic. The Pernambuco center of endemism is located at the Sao Fransisco River at about 9° S. It is the region which is most affected by human influence and, contemporary, the region which is the less examined on its avifauna. In 1995, only 3,79% (= 2124,12 km2) of the forested area remained on economically unusable steep valleys and near sources of fresh water, which is needed in sugar mills. Forest destruction is primarily caused by sugarcane plantations and cattle ranches.
A survey in october 2001, meant to search unknown populations of endemic species, recorded 7 of 10 known parrot species in 15 forest fragments of the near Alagoas region. Main threats to the parrots are poaching and the lack of nesting sites in hollow trees.
To protect these remaining populations, the isolated forest fragments need to be connected by forested corridors and illegal logging and poaching need to be stopped, by preference in cooperation with local NGOs. The choice of tree species used to plant the corridors could provide fruits or firewood, so the corridors might be regarded as useful by the locals.
Furthermore, the taxonomic status of many species, which are clearly doubtful, needs to be revised. Some described subspecies clearly are full species. A fact, which will change the number of endemics needing conservation action. |